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Das gedruckte Sedativum – Beobachtungen im Wartezimmer

18. November 2016

Das Wartezimmer meines Hausarztes macht seinem Namen alle Ehre. Herbst. Schnupfenzeit. Warten. Wartezeit. Wartelektüre.

Mein Blick fällt auf das leicht zerrupfte Sammelsurium an Zeitschriften, die der Lesezirkel pünktlich 4 Wochen nach Erscheinen der Hefte auch im fleckigen Einband an die Praxis liefert; Schöner Wohnen, Mein schöner Garten, Landidee, Landlust, Wanderzeit – kurzum das gedruckte Sedativum.

Ich frage mich, was diese Zeitschriften dem Leser vermitteln wollen und blättere zunächst gelangweilt, dann mit gesteigertem Interesse durch die „Landlust„; Stories wie „Die gute alte Obstleiter“, „Spinnen beobachten“ und „Schönes aus Filzschnüren“ reihen sich hier aneinander. Ein aufregendes Magazin macht anders auf.

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Und dennoch oder gerade wegen diesen Inhalten findet Landlust offenbar reißenden Absatz:

Nach 70 Minuten Warte- und 10-minütiger Behandlungszeit wieder Zuhause finde ich im Internet Zahlen zur Auflagenstärke der Zeitschrift; Demnach stehen im 3. Quartal 2016 ca. 940.000 verkaufte Exemplare der Landlust zu Buche. Damit zählt der Titel zu den 10 auflagenstärksten Kaufzeitschriften Deutschlands insgesamt. Zum Vergleich: Das von mir geschätzte Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verkauft pro Ausgabe nur knapp mehr als 800.000 Stück. Noch.

Ich frage mich; Aber wer liest so etwas? Die Macher schreiben in ihrem Editorial darüber, was „verkopfte Menschen“ suchen würden – nämlich Glücksgefühle vom Werkeln daheim und im Grünen. Laut Eigenwerbung ist es „eine anspruchsvolle, gut situierte Zielgruppe, die die Nähe zum naturverbundenen, kultivierten Landleben verspürt“. Ich erinnere mich, dass die Süddeutsche Zeitung diese Spezies einmal als „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability), also die „gut verdienenden Städter, die ihr Müsli im Bioladen mischen lassen und den Rückzug ins Einfache suchen“ beschrieb. Keine Frage; das dürften die Leser von Landlust sein!

Ich erkenne in dem Blättchen und seinen Schwestern einen medialen Volltreffer hinein in den Nerv der Zeit mit einer wachsenden Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Natürlichkeit, Geborgenheit, Heimatsuche und Authentizität. Die Psychologie dieses Massenphänomens zeigt sich hierbei so offensichtlich wie mannigfaltig: Das rasante Tempo der globalisierten Welt, Terrorängste und populistische Präsidenten verstärkten die Zweifel an der gegenwärtigen Lebensführung. Immer mehr Menschen empfinden die heutige Welt als flüchtig, nur scheinbar und auf Sand gebaut. Begriffe wie „Heimat“ oder „ländlich“ stellen daher ein Sinnangebot zur Verfügung, das die Sehnsüchte nach einer heilen, unbekümmerten Welt stillen kann. Oder zumindest vorgeben dies zu können.

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Ein gedanklicher Blick zurück auf die Zeitschriftensammlung im Wartezimmer bestätigt meinen Verdacht: Der verkopfte, gut situierte Deutsche sehnt sich nach Landluft, eigenem Haus und Garten. Diese Rückbesinnung auf das Ländliche, das Klischee der heilen Welt findet sich -so fällt mir auf- nicht nur in den Medien sondern auch z.B. in der Mode, wo man Ende September regelmäßig sogar beim Discounter seiner Wahl zwischen Framstag-Schnäppchen und Lidl Deluxe „original bayrische“ Lederhosen & Dirndl zur Oktoberfestzeit findet.

Da ist es dann zum Erfolg von TV-Formaten wie „Expedition in die Heimat“ bis „Bauer sucht Frau“ nicht mehr weit. Landfrust inklusive.

Darauf einen Almdudler. Zum Wohle.

Ihr Maulwürfel

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From → Der Einwurf

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