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Zaungäste meiner Gedanken

5. März 2016

Sie stehen da. Als Zaungäste meines Lebens, meiner Gedanken, meiner Welt: Meine Follower.

Als Zaungäste ruhen sie außerhalb des direkten Geschehens; meist verharren sie in gesicherter Distanz, bewahren sich eine Abstand gegenüber den Ereignissen die ich nahezu täglich in die Timeline spüle.

Der Zaun hilft dabei; er trennt, schafft physische Distanz ohne aber den Blick auf das Geschehen zu verhindern; Twitter bietet dem Zaungast den schnellen 140 Zeichen-Blick über den Zaun, serviert ihm kostenlos die „sprechende Kleinigkeit to go“ im ständigen Informationsrauschen und Lebensnebel. Perfekt für die 20sec-shortcut-Konzentration in Zeiten sinkender Aufmerksamkeitsspannen.

Der Zaungast liebt dieses gedanklich Kurzgebrühte, diesen manchmal so herrlich duftenden literarischen Espresso. Getrunken im Vorbeilaufen.

Und er liebt den Zaun. Dieser bietet ihm den gewissen Abstand, schafft eine imaginäre Grenze, die den Vorbeilaufenden entpflichtet; Kein zwanghaftes ‚Hallo‘, keine Notwendigkeit zum Small Talk, keine Pflicht sich nach dem Wohlbefinden zu erkundigen, wie dies beim Betreten des Grund und Bodens -höflichkeitshalber wohl- von Nöten wäre.

Das ist weder gut noch schlecht. Aber nicht immer akzeptieren wir das als Schreiberling, wünschen uns vielmehr eine Grenzüberschreitung, ein über-den-Zaun-klettern. Immer dann, wenn es uns an emotionalem Austausch mit den Zaungästen, an Empathie fehlt. Wenn an Stelle des Gefühls ein Dutzend undifferenzierter Emoticons ❤ treten. Das Herz zum kleiner 3 wird.

Dann keimt schon mal der Frust über den vielleicht ungeladenen, nicht zahlenden Zuschauer, der neugierig aber passiv über den Lattenzaun starrt.

Und dennoch glaube ich: Oftmals nehmen die Twitter-Zaungäste das Außer- und Ungewöhnliche präziser wahr als diejenigen, die sich mit mir inmitten des Getümmels -man nennt es wohl „reallife“ -bewegen. Schlussendlich ist es ja das Wesen der Tweets Kurzweil zu bieten, wenn sie gelungen sind. Sie sind dann wie Wolken, die schnell vorüberziehen, manchmal Stimmungen, bisweilen Erinnerungs- oder Geistesblitze.

So liefern sie humorvolle Erkundungen des Fremden, die zeigen, dass der Standort des Zaungastes oft vorteilhaft ist.

Einen schönes Wochenende und gehobenen Tweetlesegenuss wünscht,

Ihr Maulwürfel

Zaungast

 

 

 

 

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