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Schwarze Tweets oder ‚Das Leben ist zu gemein, um ertragen zu werden.‘

21. April 2013

Illuminati-game-card-with-Boston-clock-tower-and-explosion

„Es waren Kaukasier!?“
„Ja, Tschetschenen die in Kirgistan aufgewachsen sind!
„Und?“
„Was jetzt ‘und’?“
„WAREN ES GOTTVERDAMMTE MOSLEMS??“

Sie können über diesen Tweet trotz der Ereignisse in Boston schmunzeln obwohl ihnen irgend etwas im Hals stecken geblieben scheint? Sehr gut, dann könnten Sie Sinn für schwarzen Humor oder aber auch eine veritable Bronchitis haben. Oder beides.

Ja es war unter anderem dieser Tweet, der mich einige Follower gekostet bzw. mir einige Mentions im Stile von „völlig daneben“ beschert hat. In einem weiteren Beitrag ging es um die von meinen Kids täglich konsumierte US-amerikanische Zeichentrickserie Phineas und Ferb und einen von mir avisierten Besuch in der Walt Disney Company-Zentrale. Mitsamt Schnellkochtopf.

Man kritisierte mich, echauffierte sich und drohte mit dem Rundfunkrat 😉

Ich kann natürlich sehr gut verstehen, wenn einige Leser diese Tweets für mindestens schlecht, bescheuert, normwidrig, wenn nicht sogar für pathologisch halten und dies auch mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck bringen. Ihr gutes Recht.

Zeit dennoch für mich einmal darüber zu sinnieren, über welche Dinge meine Tweets sich lustig machen dürfen und wo für mich die Grenzen des guten Geschmacks liegen.

Genau da liegt aber bereits die Krux, der Knackepunkt der Thematik: Ich kann für Schwarzen Humor eigentlich gar keine Grenzen setzen, da diese ja von mir bewusst überschritten werden (sollen). Ist es nicht das eigentliche Wesen des schwarzen Humors, dass mit dem Entsetzen der Situation (und des Lesers) gescherzt und gesellschaftlich normierte Grenzen enttabuisiert werden?

Die Literatur definiert als schwarzen Humor so auch einen Humor der normalerweise als ernst betrachtete oder makabre Themen wie Verbrechen, Krankheit und Tod in satirischer oder bewusst verharmlosender Weise behandelt. Schon der alte Sigi Freud vertrat die Auffassung, dass Witze als Ventil für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich tabuisierten Bereichen genutzt werden. Da muss sogar ich ihm einmal zustimmen.

Der Übergang bzw. die Grenzen zwischen schwarzem Humor, Zynismus, Sarkasmus oder dem was die Angelsachsen als sick comedy, also als kranken respektive schlechten Humor bezeichnen, war und ist immer fließend; Der Schreibende balanciert hierbei auf einem sehr dünnen Seil. Allerdings stehen für mich beim Verfassen eines entsprechenden Tweets zweierlei Setzungen im Vordergrund:

1. Maßgeblich und Messlatte ist immer das satirische Element des Tweets: Daran darf man mich messen; Wenn der grenzüberschreitende Witz also eine über die Schockwirkung hinausgehende Pointe enthält die dem Leser besagtes rauhe Grinsen in den Hals injektiert, war die Satire gelungen bzw. wurde meine Intention verstanden (was nicht immer das Gleiche sein muss).

2. Ein schwarzer Tweet macht aus meiner Sicht vor allem dann Sinn, wenn er eine aktuelle Begebenheit aufgreift die bereits per se in der gesellschaftlichen Diskussion ist. Diese Diskussion boshaft und politisch unkorrekt zu überzeichnen heißt für mich sich mit ihr auseinander zu setzen bzw. die Thematik ohne Verblendung diskussionsfähig zu machen.

Man kann den Eingangs zitierten Tweet natürlich als menschenverachtend oder rassistisch „lesen“, der Kern steckt aber doch etwas tiefer; er greift das in der USA bei jedem Terroranschlag immanente Bedrohungsszenario „Islamistischer Terror“ auf.

Am treffendsten illustriert es m.E. übrigens André Breton, der ‚Erfinder‘ des Begriffes „schwarzer Humor‘ in seinem entsprechenden Manifest „Anthologie des Schwarzen Humors mit jenen letzten Worten eines zum Tode Verurteilten, der an einem Montag zum Galgen geführt wird: „Na, diese Woche fängt gut an!“

In diesem Sinne eine schöne Woche wünscht,

Ihr Moltroff.

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