Zum Inhalt springen

Der „Vielleicht-Button“ und die Multioptionsgesellschaft

5. November 2012

Guten Abend werte Sofazaungäste, ich darf Sie mal eben kurz um ihr Gehör bitten.

Stellen Sie sich vor, Sie beabsichtigen halbwegs spontan eine kleine Party zu feiern und haben hierzu vor zwei Wochen schon 30 Freunde eingeladen. Drei Tage vorher haben Sie 11 Zusagen, 5 Absagen – außerdem 8 „Ich weiß noch nicht, ob ich es schaffe“-Antworten, und 6 Leute haben sich gar nicht gemeldet.

Und nun wissen Sie nicht, wie viel Feinkost-Schröder-Wurstsalat, Alnatura-Dinkelbrot, MSC-zertifizierte Tiefseegarnelen und was sonst auch immer Sie fürs Buffet noch brauchen und was Sie um Himmels willen mit den Resten machen sollen. Wahrscheinlich müssen Sie sich diese Situation gar nicht vorstellen, weil Sie genau das schon erlebt haben. Denn mit Einladungen, sagen wir mal, salopp umzugehen, ist ein ziemlich verbreitetes Verhalten. Ich darf dies heute einmal als nicht korrekt anprangern.

Der Online-Knigge hilft nicht weiter, ja er behandelt diese Frage nicht einmal. Was auch egal ist, weil die sozialen Normen längst von Facebook gesetzt werden. Dort gibt es den „Vielleicht“-Button für die Frage, ob man an einer Veranstaltung teilnehmen wolle. Aber warum überhaupt diese Hinhaltetaktik? Weil die Einladung für eine noch spannendere Party kommen könnte oder weil man am Mittwoch nicht weiß, ob man am Samstag doch mehr Lust auf einen Kinofilm hat – das fiele dann unter den vom Schweizer Soziologen Peter Gross bereits in den frühen 90 ziger Jahren geprägten Begriff der „Multioptionsgesellschaft“. Kurzum: Wer die Wahl hat, hat die Qual.

Oder weil das Leben so durchgeplant ist mit Meetings und Dienstreisen, mit Elternabenden und Kindergeburtstagen, dass jede Einladung zum weiteren Termin und damit zum Stress wird. Das wäre dann das Symptom der Burnout-Gesellschaft.

Beides aber gilt auch für den Gastgeber, der ja auch stattdessen ins Kino gehen könnte und genauso ein Sklave seines Terminkalenders ist wie seine Gäste. Dass er dennoch eine Party plant, ist in Zeiten der „Vielleicht“-Coolness wenn auch anachronistisch angehaucht geradezu heroisch. Ja und Helden verdienen auch heute noch und gerade Respekt. Also: Gastgeber hinzuhalten ist keine Option. Guten Abend.

(Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden.)

Advertisements
2 Kommentare
  1. Das Thema ist angesichts der bevorstehenden Silvester-Planung mal wieder sowas von aktuell. Aber tröste dich: Feste Zusagen gab es schon lange vor Facebook nicht.

    Gefällt mir

  2. Das trifft es auf den Punkt! Habe neulich einen Abend beim Griechen organisiert, da ich gerne meinen Geburtstag nachfeiern wollte und von 10 eingeladenen Gästen kam einer. Gut, es gab keine Vielleicht Angaben, aber Ausreden wie „Ich muss total spontan zum Handball Turnier“ oder „Sorry, aber ich habe Samstag Abend um 18 Uhr einen Termin beim Kardiologen.“ ließen bei mir den Gedanken aufkommen meine „Freunde“, wie ich sie scherzhaft nenne, würden mich für dumm halten. Seither meine Devise: Nix mehr über soziale Netzwerke planen, lieber anrufen, am Telefon hat man nicht so viel Zeit sich eine bescheuerte Ausrede einfallen zu lassen. (Zumindest die nicht, nach aktuellen Erkenntnissen.)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: