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Ausgegraben: Die Handysocke, eine prähistorische Entdeckung.

16. Oktober 2012

Hach waren das noch Hoch-Zeiten an die wir so gerne zurückdenken, als Handysocken vor allen Dingen bei jungen Menschen ein uneingeschränktes must have waren.

Um das milchglasige Not-yet-Retina-Display in der vernieteten Jeanshosentasche oder dem ultrakultigen Crumpler-Daypack (100% recycelbar) vor Kratzern zu bewahren, musste man damals, also in den späten 90zigern, seinem silbergrauen Nokia 2110 ein modisches Verhüterli gönnen. Diskussionslos.


Im Gegensatz zu gewöhnlichen Handy-Accessoires, wie z.B. Kroko-Lederetuis boten Handysocken einen modisch-eleganten Schick, sahen megacool und stylisch aus und -bei der seinerzeit erhältlichen Auswahl- war für jeden noch so schrägen Geschmack ein passendes Design en vogue. Ja sogar der gewöhnliche Fußball-Holligan hatte sein Molotowcocktail …äh Handy darin immer sicher im Sack.

Natürlich hatte auch ich gleich mehrere Söckchen *hihihi* zur gefälligen Auswahl. Immer wohldosiert, abhängig von Tageszeit, körperlicher Konstitution, relevanter Mondphase und etwaigen Verdauungsproblemen. Auch die äußere Genitaltemperatur war auswahlbestimmend.

Nun werden Sie es kaum glauben, aber meine leidenschaftliche Internet-Recherche hat ergeben, dass dieses Phänomen bereits deutlich früher Generationen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen umtrieb. Ich darf Ihnen hier einige gut gewählte Beispiele dieser absolut hipsteren Kultgegenstände aus den vergangenen Jahrhunderten präsentieren.
Wie wunderbar. Nicht?

Es muss bereits zu Frühzeiten menschlicher Zivilisation – so bestätigen von mir wahllos in der Fußgängerzone interviewte Bismarck-Zeitgenossen – ein quasi-erotisches Gefühl gewesen sein, zärtlich über den Brokatbezug des Wählscheibentelefons zu streicheln, während man der freundlichen Großtante am anderen Ende des Kabelsalats zuhörte, welche Backzutaten zwingend in dieses Familienrezept für Vanillegipferl gehören.

Gesteigert wurde das körperliche Wohlempfinden noch, wenn sich der Wählscheibentelefonbesitzer als schieren Luxus sogar eine passende Hörerhülle
gönnte. Bourgeoise Dekadenz.

Aber mal auf ein Wort am Ohr: Was wissen wir degenerierten Touchscreen-Geschädigten denn noch von wahren Fernsprechgefühlen? Nichts.

Um so erschreckender kommt meine Beobachtung daher, dass sich seit geraumer Zeit ein besorgnis-erregender Trend abzeichnet: Konnte ich den Verlust der vielen
red dot design-Award prämierten Wählscheiben-Fon-Überzieher kraft später Geburt noch verschmerzen, so scheint auch die Handysocke (2.Generation) vom Aussterben bedroht.

Die Gründe hierfür mögen manigfaltig sein, auch die Energiewende könnte hier böse mitspielen. Sicher aber ist: In Zeiten von Tablet-PCs und 4“Smartphone-Ungetümen muss man schon lange stricken, bis die Maschinen ordentlich verpackt sind. So traurig.

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